Depression

Mit Depression Umgehen (Teil 1)

Ich möchte mich mit dem sensiblen Thema “Depression” beschäftigen und einen Einblick in meine persönliche Erfahrung mit dieser geben.
Im ersten Teil will ich aufzeigen, wie eine vermeintlich gefestigte und widerstandsfähige Person schrittweise in eine Depression verfallen kann.

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Das Trauma

Wenn man fest im Leben steht, so ziemlich alles, was man sich vornimmt erreicht, erfolgreich im Sport ist und gute Freunde hat, kann man gar nicht mit Depression in Berührung kommen – Oder?!

So ähnlich war meine Meinung zum Thema Depression. Als Medizinstudent mit starkem Interesse in die Psychiatrie und Psychologie fehlt mir nicht das Verständnis oder der Respekt für diese Erkrankung. Nur eben nicht bei mir! Nur eben nicht bei mir??

Im Jahr 2017 schien alles richtig gut zu laufen. Ich spielte mein erstes Jahr in der GFL (German Football League) bei den Dresden Monarchs, war im letzten universitären Semester des Medizinstudiums kurz vor dem Staatsexamen und hatte eine Gruppe guter, enger Freunde, welche immer für mich da waren.

Doch dann kam der Tag an dem sich alles ändern sollte. Ein Schlag des Schicksals, wie ich ihn nie zuvor erlebt hatte. Einer meiner besten Freunde (Thomas Gallus) ist beim Training der Leipzig Lions zusammengebrochen – plötzlicher Herzstillstand.
Beim ersten Anruf ist mir das Ausmaß der Situation nicht in seiner Gänze klar. “Gallus ist bewusstlos geworden im Training und wurde ins Krankenhaus gefahren. Chris, kannst du bitte seine Familie kontaktieren? Keiner von uns hat eine Telefonnummer.”
Erst nachdem ich die Familie verständigt habe kommt der zweite Anruf – die Situation scheint viel ernster als vorerst angenommen. Er ist nicht einfach nur zusammengebrochen, sondern hatte einen Herzstillstand erlitten. Die Rettungskräfte hatten noch vor Ort eine 40 minütige, erfolglose Reanimation eingeleitet bis man sich entschied unter anhaltenden Versuchen ins nahegelegene Herzzentrum zu verlegen.

Diese neue Information trifft mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich sitze auf dem Balkon, sofort schießen mir alle möglichen Statistiken und Zahlen zur Herz-Lungen-Wiederbelebung in den Kopf. “40 Minuten erfolglose Reanimation?! Die Überlebensrate sinkt doch schon drastisch nach 5!! Oder nach 10?” Meine Gedanken drehen sich wild im Kreis, kommen nicht zur Ruhe – was passiert hier?

Der Abend oder viel mehr die Nacht endet damit, dass wir ins Krankenhaus fahren, wo wir mehrere Stunden verbringen. Das Endergebnis – Gallus wurde in ein künstliches Koma versetzt – jetzt kann man nur noch hoffen.
2 Tage später ruft sein Bruder an.” Thommy ist tot.” Ich lege auf – und dann Nichts…
Es ist Donnerstag, ein Trainingstag. Am Samstag haben wir ein Spiel. Es ist eine der ersten Trainingseinheiten der Saison an der ich nicht teilnehme. Ich spiele am Samstag kaum.

Die Depression schleicht hinein

Anfänglich versuche ich meinen Schmerz zu verarbeiten, ich schreie Ihn in die Welt hinaus. Facebook, Instagram – Im Gespräch schaffe ich nicht in Worte zu fassen, was mich quält. Untypisch für mich, da ich sonst über alles offen reden kann. Ich schlafe nicht mehr in meinem Bett, wenn ich überhaupt schlafe. Ganze Tage verbringe ich auf der Couch, als würde ich mich selbst bestrafen. Nachts schlafe ich nicht, dafür bis spät in den Tag hinein. Wären die Dresden Monarchs und das pendeln mit dem “Leipzig Squad” nicht, wäre ich wohl vollständig zerbrochen.

 

Depression Post
Einer Meiner Versuche

Mich selbst betrafen? – Auf der Suche nach dem “Wieso und Weshalb” ein junger Mensch aus dem Leben gerissen wird, gibt es wohl kaum eine zufriedenstellende Antwort. Das menschliche Gehirn ist ein unglaublich leistungsfähiges Organ, und gibt man ihm genügend Raum zum wandern, findet es unvorstellbare Dinge. Diese können wunderbar sein, oder furchtbar schrecklich – vor allem in der dunklen Gedankenwelt eines depressiven Menschen. “Thomas hätte niemals American Football gespielt, wäre ich nicht gewesen. 2015 habe ich unglaubliche Überzeugungsarbeit geleistet um ihm von Dresden zu den Leipzig Lions zu holen. Im ersten Jahr ist er mit dem Zug gependelt, wohnte Halbzeit auf meiner Couch und war sofort verliebt in den Sport.
Nur zwei Jahre später, 2017, zog er nach Leipzig – und ich ging nach Dresden zu den Monarchs. Ich hatte ihn nach Leipzig geholt und dann allein gelassen.”

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Ein Weiterer Versuch und meine innere Verzweiflung

Isolation

Das Leben läuft einfach weiter, als wäre nichts passiert. Nichts hat sich verändert und doch klafft in meiner Mitte ein riesiges schwarzes Loch. Es lässt sich nicht schließen und durch nichts füllen. Es ist jeden Tag da, überlagert jeden kleinen Moment der Freude nur Minuten später.
Ich fühle mich missverstanden, der Kontakt zu Freunden nimmt ab. Ich erfinde Ausreden, bleibe lieber Zuhause anstatt vor die Tür zu gehen und verliere so immer mehr Freunde und Kontakte.

Die Beerdigung im September wird zum schrecklichsten Tag meines Lebens. Es ist viel zu viel für mich.

Die Saison befindet sich in den letzten Spielen und das Staatsexamen rückt immer näher.
Am Ende nehme ich nicht an den PlayOffs teil und schreibe auch das Examen nicht. Ich verlasse Deutschland für 3 Monate, auf der Suche nach etwas, von dem ich nicht weiß, wo oder wie ich es finden soll. (Ich glaube ich wusste nicht einmal wonach ich suche). Aber mir war klar – es ist nicht länger in meinem gewohnten Umfeld, nicht bei meinen Freunden, nicht in Deutschland.

Heute weiß ich, dass ich bloß weggerannt bin. Mir fehlte die Kraft und der Wille mich dem alltäglichen Leben zu stellen. Dem Leben, das sich nicht daran zu stören schien, dass sich für mich alles verändert hatte.

Hilf, wenn du kannst…

Es mag egoistisch klingen, aber ich hätte in dieser Zeit viel mehr Hilfe von außen gebraucht. Viele Menschen aus meinem Umfeld werden bestätigen, dass man mir kaum etwas angemerkt hat und das ist genau, was es so schwer macht. So schwer zu helfen aber auch so schwer sich helfen zu lassen.
Wenn du jemanden kennst, der eine schwere Zeit durchlebt – gehe offen auf ihn oder sie zu und sprich das Offensichtliche an. Am Ende wird der Betroffene dir dankbar sein.

Fortsezung folgt…

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