AJ Wentland – Das meiste aus Chancen herausholen

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Das bringt euch direkt zum Eure Fragen Beantwortet Teil

Zu Beginn möchte ich einige von AJs Überzeugungen mit euch teilen. Sie beeinflussen diese Geschichte und wir werden immer wieder zu diesen zurückkommen.
In vielen Gesprächen die ich mit AJ hatte gab es ein wiederkehrendes Thema, egal was wir besprochen haben – „nur“ Division II College zu spielen, nach „bloß“ Deutschland zu gehen oder zu den Dresden Monarchs zurückzukommen ohne wirklich die Angebote anderer Teams in Betracht zu ziehen – es war immer präsent und ist es schon immer gewesen – Zufrieden sein mit den Chancen die man hat und das meiste aus diesen herausholen.

AJ hatte nicht die einfachste Jugend und er hat sicherlich nicht immer die schlausten Entscheidungen getroffen. Aber wer kann das schon von sich behaupten?! Wenn er über seine Vergangenheit spricht klingt AJ selten traurig oder negativ, viel mehr dankbar und glücklich. Während seines Abschlussjahres an der Harlem Highschool, Illinois wohnte er zusammen mit seinem Vater Stan, welcher – bereits geschieden von der Mutter, Sheila – getrennt lebte. Geld stand nicht immer reichlich zur Verfügung und das Interesse an Schule und Noten hätte größer sein können. Football stand im Vordergrund, hat einen großen Teil des Lebens für sich beansprucht und wie AJ mir sagte:„[…]Football ist für mich mehr zu einem gesamten Lebensstil geworden[…]“
Um Stipendien an den großen Schulen und Footballprogrammen des Landes zu erhalten muss man allerdings mehr als ein guter Athlet sein, man braucht auch die notwendigen Leistungen im schulischen Bereich.
Als das Angebot kam an der McKendree Universität, ein Divison II College, zu spielen, haben sich die Dinge verändert – und für mein Verständnis – wurde AJ das erste mal klar, dass er dankbar sein muss für die Möglichkeiten, die er hat.
Trotz jugendlichen Schwierigkeiten und dem Vernachlässigen der Schule, hatte es am Ende doch für ein Stipendium gereicht. Es mag nicht Division I gewesen sein, aber es war sehr wohl eine Chance seinen Traum weiterzuverfolgen und in dem besser zu werden was er über alles liebt.

Treten wir an dieser Stelle einen Schritt zurück und blicken mit etwas mehr Distanz auf die Dinge – es wäre absolut verständlich gewesen mit diesem Angebot unzufrieden zu sein – 116 Tackles während des Abschlussjahres und die „All-Conference“-Ernennung hätten doch mehr Türen öffnen müssen oder?!
„Aber was wäre möglich, wenn wir einfach mit den Möglichkeiten, die wir haben zufrieden wären?“ Es scheint das heutzutage nichts gut genug ist. Es gibt ein neues iPhone alle 8-9 Monate, rund 50% aller Ehen werden geschieden, wir sind stetig auf der Suche nach etwas Besserem. Jeder versucht die Karriereleiter nach oben zu steigen. Mehr Geld in einer höheren Position zu verdienen, scheint DER Wunsch von Studenten zu sein. Was wäre also, wenn wir einfach mal stoppen? Zufrieden sind mit dem was wir haben, positiv bleiben in dem was wir tun und all die Negativität ausblenden, welche durch Gier und Ungeduld entsteht. Die Ungeduld darüber, nicht an dem Punkt zu sein, wo wir denken sein zu sollen…oder die Gesellschaft uns glauben macht, wir sein sollten.

AJ an der McKendree Universität (Von seinem privaten Instagram Account)

AJ ging 2013 an die McKendree Universität und lediglich ein Jahr später, 2014, brach er den Schulrekord mit 132 Tackles in der Saison, was ihm landesweit den 10. Platz der gesamten NCAA Divison II in „Tackles pro Spiel“ einbrachte (12,1). Er wurde ebenso das zweite Jahr in Folge mit „Academic All-GLVC Honors“ ausgezeichnet, was bedeutet, dass sich die schulische Leistung auch endlich auf top Niveau befand. 2015 brach er seinen eigenen Tackling-Rekord (135) nur um das 2016 direkt noch einmal zu wiederholen (145). Am Ende der Saison ‘16 wurde AJ der „All-Time leading tackler“ der McKendree Universität mit der beeindruckenden Nummer von 421, und Halter von drei weiteren Schul-Rekorden.
Diese Leistungen führten dazu, dass AJ zum „Pro-Day“ der Northwestern Universität im März 2017 eingeladen wurde und in Folge dessen zum Rookie Camp der Chicago Bears im darauffolgenden Mai.
Die Bears entschieden sich gegen ihn und der Traum eines Tages in der NFL zu spielen fand ein plötzliches Ende – ein verändernder Moment in AJs Karriere – jedoch viel mehr in seinem persönlichen Leben.
Von den Höhen die Abschlussrede an seiner Uni zu halten, ins „All-American“-Team ernannt zu werden und von den Chicago Bears eingeladen zu werden, ging es sehr schnell bergab. Der NFL-Traum beendet, CFL (Canadian Football League) Teams lehnten ebenfalls ab und eine 2-jährige Beziehung fand ihr abruptes Ende. Es kam die Zeit einen neuen Weg zu finden – die Zeit sich zu sammeln, neue Ziele zu definieren, Gründe zu finden auch ohne Football weiter vorwärts zu gehen und zum ersten mal überhaupt – eine Verbindung zu sich selbst aufzubauen.

„Es war wirkliche eine Emotionale Achterbahnfahrt das Jahr. Ich war an der Spitze der Welt für eine kurze Zeit, zu einem NFL Camp eingeladen und Sprecher bei meiner Abschlusszeremonie, aber all das hat am Ende nicht funktioniert.“

Während AJ sich auf den ersten Sommer seines Lebens ohne Football vorbereitete, entschied er gemeinsam mit einem Freund in den Großraum von ST. Louis zu ziehen. Wie jeder Erwachsene, brauchte er einen Job um seine Rechnungen zu bezahlen und hat angefangen auf dem Bau zu arbeiten – täglich von 6 Uhr morgens bis 3 Uhr Nachmittags. Es war ein gut bezahlter Job aber etwas fehlte – das ersten Mal seit seinem 7. Lebensjahr gab es keinen Sport und dadurch keine Herausforderungen.
Der Wunsch diese Lücke zu füllen führte ihn schließlich zurück ins Fitnessstudio. Vor dem Sommer 2017 war das Gewichte heben lediglich ein Werkzeug um fit für die Footballsaison zu werden, doch jetzt war es der neue Weg der Herausforderung – die Herausforderung gegen sich selbst – stärker, schneller und überraschenderweise in die Form seines Lebens zu kommen. Es gab kein Grund nur leicht zu trainieren, da es keine Spiele am Wochenende gab für die das notwendig gewesen wäre, kein Grund ausgeruht zu sein. Die harte Arbeit im Fitnessstudio übernahm die Leidenschaft, die Football zurückgelassen hatte.

„Wegen meiner Arbeitszeiten, hatte ich die Freiheit jeden Tag ins Studio zu gehen, viel Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen und an den Wochenneden feiern zu gehen. Es war wirklich das erste mal in meinem Leben, dass ich meine Identität außerhalb von Football gefunden habe.“

Die Art und Weise, wie AJ über diesen Sommer spricht, ist sehr interessant. Man würde denken, Football hinter sich zu lassen, war eine der schwersten Dinge seines Lebens, und es war sicherlich nicht leicht zu Beginn. Aber am Ende wurde es zu einem seiner besten – wenn nicht der beste – Sommer seines Lebens. Ich finde das ist ein perfektes Beispiel dafür, wie wichtig es ist, diese Verbindung zu seinem innersten Ich zu schlagen. Herauszufinden, wer man als Person ist, und was einen antreibt durchs Leben zu gehen, ist unglaublich wichtig in der persönlichen Entwicklung.

AJ bei der Arbeit auf der Baustelle (privates Bild)

Sommer können nicht ewig weilen und während die GFL (German Football League) ihre Saison 2017 zu Ende brachte, begann der Rekrutierungsprozess. Viele Teams kontaktierten AJ aber dieser entschied sich schlussendlich fur die Dresden Monarchs zu spielen.
AJ fasst diesen Teil seines Lebens, vom scheitern in der NFL zu seiner zweiten Karriere-Chance in Europa in einem Interview mit dem 23 News Channel wie folgend zusammen.

„Im Leben kann man sich nicht gehen lassen, man muss aufstehen und weiter vorwärtsgehen“

Als AJ in Deutschland ankam, befand er sich also in einer Situation, welche dem Beginn seiner College-Karriere nicht unähnlich war. Er hätte unzufrieden darüber sein können nicht in der NFL oder CFL (Canadian Football League) zu spielen – denn wenn wir ehrlich sind, wissen wir alle, dass man in der GFL nicht reich wird – aber im Gegensatz dazu, hat AJ diese Chance ergriffen und sich selbst versprochen, dass er dankbar ist und alles rausholt, was irgend möglich ist. Passend zu dieser Einstellung gab es ein Instagram Post von ihm zu Beginn seiner ersten Saison, der mich wirklich berührt hat.

„In Deutschland aufzuwachen und zu wissen ich bin hier um Football zu spielen – fühlt sich jeden Tag wieder an, wie von einem Traum zu erwachen.“

Diese ganze Positivität, diese Energie ist das, was AJ zum führenden Tackler der GFL gemacht hat, was zur All-Pro-Auswahl gemacht hat – aber vor allem anderen – was ihn zu der Person gemacht hat, welche ich kennen lernen durfte. Die Person, die ich euch durch diesen Artikel vorstelle.

Glücklich bis ans Ende seiner Tage?!

Wie wir alle wissen, kam AJ ohne Zögern oder Zweifeln zurück nach Deutschland und zu den Dresden Monarchs. Im moment spielt er seine 2. Saison und gewöhnt sich immer mehr an den deutschen Lebensstil. Er hat Pläne einen Deutsch Kurs zu belegen und schaut sich gemeinsam mit Manager Jörg Dreßler verschiedene Optionen dafür an. Eine stabile Beziehung mit Freundin Louise Götze gibt seinem Leben in Deutschland einen weiteren Aspekt, als bloß American Football ein und aus jeden Tag. AJ ist glücklich und genießt das Leben – nur die Zeit kann wissen, was als nächstes kommt…

AJ mit Freundin Louise in Rom während der Saisonpause (privates Bild)

Eure Fragen Beantwortet

1. Was denkst du, wie viele Jahre du bei den Monarchs bleibst?

Ich liebe Dresden und seine Fans, genauso wie meine Teamkameraden und meine Coaches. Ich glaube, ich könnte niemals für irgendwen anders in Deutschland spielen.

2. Was findest du an Dresden am Besten?

Die schönen Bauten der historischen Altstadt. Die Elbe, die sächsische Schweiz und die Neustadt.

3. Könntest du dir allgemein vorstellen in Deutschland zu leben?

Ja definitiv. Ich liebe den Lebensstil in Deutschalnd. Ich muss bloß weiterhin die Sprache lernen und Arbeit finden.Yes definitely.

4. Kannst du dir vorstellen in Deutschland zu bleiben und mit Louise zu leben?

Ja, auf jeden Fall. Wir reden ständig darüber. Sie liebt es zu reisen, genauso wie ich. Ich mag auch wie offen sie für die Möglichkeit ist vielleicht in den USA zu leben oder wo auch immer das Leben uns hin verschlägt.

5. Gibt es Dinge in Amerika, die du gern in Deutschland hättest, und umgekehrt?

Etwas, dass ich in Deutschland vermisse ist mehr Mexikanische Küche. Und Dinge, die ich mir wünschte, dass es sie in Amerika gäbe, wären ein besseres öffentliches Verkehrsnetz und ein aktiverer Lebensstil für die allgemeine Bevölkerung. Mehr zu Fuß gehen und tägliches Rad fahren.

Was kommt für dich nach Football?

Wahrscheinlich Football coachen oder ein körperliches Trainingsprogramm leiten. Und eine Familie gründen.

Alles Gute von AJ and alle Leser (Ben Gierig Fotografie)

Die Rechte am Titelfoto, sowie an diesem letzten gehören Ben Gierig Fotografie

7 comments / Add your comment below

  1. Danke Chris für diesen grandiosen Artikel! Einfach perfekt. Stay strong und holt diesen Pott nach Hause 😊
    Blau und Gold ein Leben lang 💙💛

    1. Danke für diese positive Kritik 🙂
      Wir geben unser bestes und ich hoffe weitere Artikel werden gleichermaßen gefallen.

      Ich bin immer offen für wünsche und Vorschläge, wer euch interessiert.

  2. Eine wirklich tolle Sache Chris Genau,
    da hat man seine Idols und erfährt zugleich noch viel abseits von aktuellen Spielen.
    Vielen Dank dafür, die Story zu schreiben, war eine super Idee!

    1. Genau das ist der Gedanke. Einen bisschen näheren Einblick in die Welt der Spieler bekommen und vielleicht nicht die ein oder andere Sache dabei lernen 🙂

  3. Dankeschön Chris! Dankeschön für dieses super Portrait eines nicht nur super Spielers, sondern auch super Menschen! 🙂
    Interessant wäre auch, wenn Du solch einen Artikel über Dich verfasst! 😉

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